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Mein Leben im Jahr 1891

Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Karl, von Beruf Aschenmann in München. Begleiten Sie mich auf einer Zeitreise in das Jahr 1891. Münchens Bevölkerung wächst gerade rasant, bis zum Jahr 1900 werden 500.000 Menschen in der Stadt leben, die immer mehr Müll produzieren. Die Stadt platzt aus allen Nähten und ein Müllnotstand droht.

Eine Müllkutsche für Münchens Hausunrat

Aschenmann Karl mit seinem Harritschwagen

Zu meiner Zeit wurden Abfälle einfach auf die Straße oder in eine der 2000 Kehrricht- und Aschegruben der Stadt geworfen. 1863 waren nur die Straßen der Altstadt gepflastert, eine zentrale Wasserversorgung gibt es erst seit 1866. Eine geregelte Müllabfuhr ist da noch nicht in Sicht. Immer mehr Menschen stören sich am Gestank und die hygienischen Zustände sind untragbar.
Dies ändert sich im Jahr 1891. Der Schmiede-meister Fischer aus Giesing entwickelt einen Harritschwagen. Diese Müllkutsche (Harritsch leitet sich wahrscheinlich vom englischen "carriage" für Kutsche ab) wird für viele Jahre Münchens Müll transportieren. Damit ist ein Grundstein für die Münchner Hausunratabfuhr gelegt.

Die Geburtsstunde der Münchner Müllabfuhr im Jahr 1891

Auf Betreiben des Magistratsrates Alois Panzer erlässt der Münchner Magistrat im Jahr 1891 eine „ortspolizeiliche Vorschrift über die Lagerung und Wegschaffung des Hausunrats“. Zur Organisation der Hausmüllentsorgung wird die „Städtische Hausunratanstalt“ eingerichtet. Der Hausmüll darf ab sofort nicht mehr in Gruben abgelagert, sondern muss zwei Mal in der Woche zur Abfuhr bereit gestellt werden. Die Müllabfuhr ist gebührenpflichtig, sie kostet ungefähr eine Reichsmark pro Kopf.

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Mit der Abfuhr beauftragt die Stadt private Transportfirmen, denen sie für die  Bereitstellung von so genannten Aschenmännern und Pferden eine Festsumme von 180.000 Reichsmark zahlt. Das Stadtgebiet wird in 18 Sammelbezirke eingeteilt. Die Einsammlung des Hausmülls erfolgt mit einem einachsigen Karren, der von einem Pferd gezogen wird. Für das Gefährt bürgert sich bald die Bezeichnung „Harritschwagen“ ein, die wohl auf den englischen Begriff carriage = Kutsche, Wagen zurückgeht. Diese Harritschwagen werden in den Werkstätten der Hausunratabfuhr gefertigt. Alle Wagen sind Eigentum der Stadt und an die privaten Abfuhrunternehmer für die Mülleinsammlung lediglich ausgeliehen. Bis 1897 werden die Abfälle zu Abladeplätzen am Rande der Stadt verbracht. Dort sorgt der Müll bald für Ärger mit den Anwohnern, die sich über den Staub und furchtbaren Gestank beschweren.

So sieht meine Arbeitswoche aus

Meine Arbeitszeit beträgt 10 Stunden pro Tag an sechs Tagen in der Woche.
Aschenmann Karl

Ich wohne auf der Schwanthalerhöhe. Den Weg zur Arbeit, sechsmal pro Woche, gehe ich zu Fuß. Seit 1874 fährt in München zwar eine Pferdestraßenbahn, sie wird aber hauptsächlich von reichen Leuten genutzt. Außerdem sind die Entfernungen ohnehin nicht groß, weil die Stadt ja schon hinter der Schwanthalerhöhe zu Ende ist.

Früh um 5 Uhr geht es los, bei jedem Wetter, ob Regen, Schnee oder Hagel, hinüber auf die andere Seite der Landsberger Straße, wo sich hinter dem ‚Lindauer Hof’ von der Stadt gemietete Pferdeställe befinden. Ich nehme zwei hergerichtete Rösser und trabe mit Ihnen über die Hackerbrücke zur Harritschrampe im Güterbahnhof an der Arnulfstraße. Dort warten schon die anderen Kutscher. Das zweite Pferd übergebe ich einem Kollegen. Mit einem weiteren Fuhrmann spanne ich einen der abgestellten Harritschwagen ein und die Tour geht los. Sobald der Wagen voll ist, wird er auf lange Züge mit Plattformwagen verladen und nach Puchheim zu den aufgelassenen Lehmgruben einer ehemaligen Ziegelei gebracht und dort entleert. Wir Aschenmänner fahren jeweils zu zweit, tragen die Tonnen mit Stangen auf die Straße und entleeren sie in die Klappdeckelwagen. Nach über 10 Stunden ist es geschafft. Unser Bezirk ist vom Müll befreit. Ein echter Knochenjob.

Karls Kollegen bei der Müllabfuhr

Die hölzernen Räder der Harritschwagen wurden von den Schmieden mit Eisenreifen
versehen, damit das Holz auf dem Münchner Kopfsteinpflaster nicht splitterte.
Ursprünglich wurden die hölzernen Harritschwagen vom Schreiner repariert. Später hat er sich um diverse Ausbesserungsarbeiten und Schönheitsreparaturen gekümmert.
Die Räder der Harritschwagen mussten gewartet und ausgebessert werden.

Die Harritschwagen gehören der Stadt München und werden in der städtischen Reparaturwerkstätte instand gehalten. Anfangs sind dort zwei Schmiede und drei Wagner beschäftigt. Später kommt weitere Handwerker dazu, unter anderem ein Anstreicher, Sattler und Schriftenmaler. Der Sattler repariert Fahrleine und Kutschgeschirr und kümmert sich auch um die Lederschürzen der Aschenmänner: Sie müssen genäht, Risse geflickt, Gurte und Nieten ausgebessert werden.

So verwerten wir den Abfall

Das Thema Recycling, also die Wiederverwertung von Abfällen, ist für uns nichts Neues. Aus vielen Dingen kann man noch etwas machen. Schon in früheren Zeiten zogen Lumpen- und Schrotthändler durch die Straßen, um alte Töpfe oder kaputte Kleider zu sammeln und zu verwerten. Doch dann geriet das Recycling in Vergessenheit und sämtliche Abfälle wurden in den Städten einfach in Gruben abgelagert oder über Stadtbäche entsorgt. Gut, dass es in München nun eine geordnete Abfallentsorgung gibt. Schon ab 1897 wurde der Müll in einer Sortieranlage in Puchheim zu nahezu 100 Prozent verwertet. Nur einen kleinen Rest hat man deponiert.

Begleiten Sie Karl zur Sortieranlage Puchheim und auf eine Zeitreise durch Münchens Abfallentsorgung.

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